Trockeneisstrahlen


Traxler kennt die Bergpfade und Rutengänger. Welche Schwarmbindungen gehen sie ein? Bisher hat sie immer nur darüber nachgedacht, wie sie aus dem Kellerloch herauskommen könnte. Das ganze Leben, oder besser:

Wasserverschmutzung in den Städten


Das dies nicht so ist, zeigen die mittlerweile über toten Zonen 54 , die sich dauerhaft oder jahreszeitlich an Küsten meist vor seichten Flussmündungen oder in Binnenmeeren befinden.

Ursache ist die Zufuhr von Nährstoffen. Was früher vor den Flussmündungen für reiche Fischgründe sorgte, schlug mit der Zunahme der Bevölkerung und vor allem seit der Einführung von Kunstdüngern wie in den Seen siehe oben um: Tiere, die schwimmen können, verlassen das Gebiet; bodenlebende Tiere wie Muscheln und Garnelen sterben ab.

Natürlich wie von manchem Industrievertreter behauptet wurde ist daran nichts. Tote Zonen sind aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg aufgetreten, wie Sedimentuntersuchungen etwa im Golf von Mexiko zeigten Jahrhunderts zunahm, als die Prärien in Ackerland umgewandelt wurden, und Anfang des Jahrhunderts, als Dämme gebaut wurden die die Schlammfracht zurückhielten , wieder ab.

Heute ist sie über Mitunter muss die Nährstoffanreicherung auch nicht erst zu einer toten Zone führen, sondern kann auch direkt gesundheitsschädlich sein, wenn die durch Nährstoffanreicherung zunehmenden Algen giftige Stoffe produzieren. Diese produzieren Brevetoxine, ein Cocktail von Nervengiften, die die wichtigste Todesursache für Manatis eine Seekuh-Art sind und bei Gischt beim Menschen Halsschmerzen, Augenreizungen und Atemwegsprobleme auslösen können. Nicht alle Arten leiden aber unter Nährstoffanreicherung und Sauerstoffmangel: Quallen kommen damit gut zurecht.

Da durch die Überfischung Tiere wie Dornhaie und Meeresschildkröten, die Quallen fressen, selten geworden sind und Quallen auch eine zunehmenden Versauerung gut ertragen können, könnten das Jahrhunderte eines der Quallen werden. Mit den Abwässern und Flüssen gelangen aber nicht nur Nährstoffe, sondern auch gefährliche Schadstoffe in die Meere. Eine Gruppe, die langlebigen organischen Schadstoffe die "POPs", nach englisch persistant organic pollutants , haben dabei die unangenehme Eigenschaft, sich in Meeresorganismen anzureichern, weil sie "lipophil" -fettliebend - sind und im Fettgewebe gespeichert werden.

Die Anreicherung beginnt an der Wasseroberfläche: Die oberste, durch die Oberflächenspannung stabilisierte Schicht der Meere ist reich an Fetten und Fettsäuren, und daher leben hier auch viele Mikroorganismen, Fischeier und Fischlarven. Und hier sammeln sich auch die fettliebenden POPs an, und gelangen über das Futter in die Jungfische. Am Ende der Nahrungskette ist die Konzentration dann hoch gesundheitsschädlich.

TBT wirkt auf Meeresschnecken wie ein Hormon, und beeinträchtigt die Fortpflanzungsorgane der Schnecken so stark, dass die Tiere unfruchtbar werden. Auch die Konzentration an chlorierten Kohlenwasserstoffen im Fettgewebe vor allem subtropischer und tropischer Meerestiere nimmt nach wie vor zu. Zu den Schadstoffen, die über Flüsse und Luft in die Ozeane eingetragen werden, gehören auch Schwermetalle. Dort rät die Lebensmittelbehörde Schwangeren und Frauen im gebärfähigen Alter mittlerweile, den Verzehr von fettem Fisch einzuschränken.

Als Ursache wurden sofort quecksilberhaltige Abwässer aus der Acetaldehyd-Produktion der ortsansässigen Firma Chisso vermutet. Diese stritt zunächst jeden Zusammenhang ab. Als die Fischer von Minamata mehrfach die Fabrik besetzten, wurde der Fall landesweit bekannt. Aber erst nach langen Jahren, und nachdem der Fall durch den Fotografen W.

Nach heutigen Kenntnissen starben in der Region Minamata etwa 3. Eine zweite Masservergiftung an Quecksilber ereignete sich am Fluss Agano in der Präfektur Niigata auf, Ursache war der gleiche Produktionsprozess. Sie wurde vor allem für flüssige Industrieabfälle Dünnsäure aus der Herstellung von Titandioxid, aber auch Klärschlämme und radioaktive Abfälle praktiziert.

Verursacher sind die Kunststoffe, von denen wir heute jedes Jahr Millionen Tonnen produzieren - und ein Drittel davon zu Wegwerfverpackungen verarbeiten. Plastikmüll an einem Strand am Roten Meer. Aber vor allem sammelt er sich in riesigen Müllflecken in den Ozeanen.

Im Zentrum der Meere entstehen riesige, als Meereswirbel bezeichnete kreisförmige Strömungen. Den Seeleuten ist seit langem bekannt, dass sich in ihrem Zentrum schwimmende Gegenstände ansammeln: Die Wirbel rotieren unterschiedlich schnell - die Umlaufzeiten reichen von gut drei bis 13 Jahre - und bei jedem Umlauf, so wird geschätzt, gelangt etwa die Hälfte des Plastikmülls an den Rand des Wirbels und findet im Laufe der Zeit seinen Weg an die Küste.

Die Lage der Müllflecken im Ozean. Meerestiere kennen kein Plastik und halten es für Nahrung. Meeresschildkröten etwa halten Plastiktüten offenbar für Quallen: Selbst Pottwale sind schon an Plastikverstopfung gestorben. Schlagzeilen machen auch immer noch Ölunfälle: Sterbende, verölte Vögel und andere Tiere erregen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Aber Tankerunfälle sind nur für etwa fünf Prozent des Öls verantwortlich, die ins Meer gelangen: Im Unterschied zu vielen anderen Schadstoffen kommt Öl aber auch in der Natur vor, und es gibt Organismen, die Öl abbauen, was seine Schädlichkeit etwas mindert.

S ea Empress, Der unter liberianischer Flagge fahrende Tanker havarierte vor Südwales, Der Tanker sank vor der Bretagne und verlor Der Tanker havarierte vor der Küste Galiziens Nordwestspanien , Es ist bis heute nicht geklärt, wem das Schiff gehörte, es fuhr zum Zeitpunkt des Unglücks für einen in der Schweiz ansässigen russischen Konzern. Zwei Tage später ging die Plattform unter; dabei brach die Rohrleitung, die Ölquelle und Bohrinsel verband.

BP versuchte dann, dass ausgetretene Öl mit dem Dispersionsmittel Correxit aufzulösen, so dass es leichter von Bakterien aufgenommen werden kann und wohl auch, weil die Ölpest so weniger sichtbar war. Correxit ist umstritten - Kritiker halten mit Correxit fein verteiltes Öl für ein Vielfaches gefährlicher als das reine Öl -, sein Einsatz war aber zulässig. Im Jahr warfen Aktivisten des " Government Accountability Project " GAP BP jedoch vor, Anwohner und Helfer nicht über die Gesundheitsgefahren beim Umgang mit Correxit informiert und auch keine Schutzausrüstung zur Verfügung gestellt haben; viele sollen nach dem Kontakt an Hautirritationen, neurologische Schädigungen wie kurzzeitigem Gedächtnisverlust und Lungenproblemen gelitten haben.

Da die Ölförderung sind zunehmend in die Tiefsee verlagert, sind verbindliche internationale Sicherheitsregeln dringend notwendig. Bisher, das hat Deepwater Horizon gezeigt, hinken unsere Fähigkeiten, eine Katastrophe zu verhindern, wenn etwa schiefgeht, deutlich hinter den Fördermöglichkeiten her.

Wenn Tankerunfälle nur einen kleinen - wenn auch spektakulären - Anteil an der Ölverschmutzung der Ozeane haben, so stellt der Schiffsverkehr auch in anderen Punkten eine Belastung dar. Schiffe verursachen heute in Europa etwa die Hälfte aller Schwefelemissionen insgesamt! Übrigens auch im Hafen, wo die Motoren zur Stromversorgung weiterlaufen.

Schall breitet sich unter Wasser schneller und viel weiter aus als an Land; und weil in manchen Gebieten - etwa vor Flussmündungen mit hoher Sedimentfracht - und in der Tiefe eine Orientierung mit den Augen schlecht möglich ist, hat Schall unter Wasser eine ganz andere Bedeutung als Land: Manche Wale etwa finden ihre Beute mit Echoortung; andere Wale können mit Lauten über Hunderte oder sogar Tausende von Kilometern miteinander kommunizieren.

Aber nach Tests von militärischen Sonarsystemen sind mehrmals Wale mit allen Anzeichen von Dekompressionskrankheit gestrandet und verendet; die über Die meisten Arten werden mit dem Ballastwasser von Schiffen verschleppt.

So wurde mit Ballastwasser die amerikanische Rippenqualle Mnemiopsis ins Schwarze Meer eingeschleppt und hat Milliardenschäden angerichtet; an der Ostsee verursacht der aus Asien stammende Schiffsbohrwurm jedes Jahr Schäden in Millionenhöhe. In der Karibik hat sich der wohl von Aquarianern im Süden Floridas freigelassene Pazifische Rotfeuerfisch explosionsartig vermehrt und richtet unter den Rifffischen Verwüstungen an; im Mittelmeer überwuchert die aus dem Südwesten Australiens stammende Seetangart Caulerpa racemosa Seegraswiesen, Schwämme und heimische Seetangarten, die wesentlich reicher an Fisch-, Krebstier-, Seestern-, Seeigel- und anderen Arten sind.

Begünstigt werden solche eingeschleppten Arten vermutlich von der Schwächung ursprünglicher Ökosysteme durch Verschmutzung und Überfischung; artenarme Ökosysteme scheinen deutlich empfindlicher zu sein als artenreiche. In den USA, Australien und Neuseeland ist zumindest schon vorgeschrieben, dass das Ballastwasser auf hoher See, wo es weniger Schaden anrichtet, und nicht mehr in Küstennähe gewechselt wird.

Wie die Atmosphäre, so werden auch die Ozeane wärmer, aufgrund der Trägheit der riesigen Wassermengen jedoch bisher etwas langsamer als die Luft - die Erwärmung beträgt 0,6 Grad Celsius an der Meeresoberfläche im Vergleich zu 0,9 Grad Celsius der Luft. Diese Temperaturerhöhung führt zum einen zu einer Erhöhung des Meeresspiegels wärmer werdendes Wasser dehnt sich aus und einer Stabilisierung der Trennung und damit Verringerung des Austausches von warmem Oberflächen- und kaltem dichteren Tiefenwasser.

Der Anstieg des Wassertemperatur führt zu Verschiebung - oder, wenn die Arten sich nicht schnell genug anpassen können, zur Vernichtung - von Lebensräumen. Zwischen Gleichgültigkeit und Hackordnung. Das Leben findet abends nur 3 Stunden lang statt.

Wie nahe darf ich der Containergesellschaft kommen? Sind die Menschen hier anders, als ich sie in den Heimatländern kennengelernt habe? Die meisten strahlen noch mehr Würde aus als in ihrem Heimatdorf. Stephan Grätzel, Hermann Recknagel, Dr. Marcel Schilling und Katharina Schultens.

Welcher Abstraktion bedarf also der Blick auf ein offen daliegendes Wattenmeer bei Ebbe, um in ihm zugleich den gefluteten Sand zu erkennen? Viel mehr noch, es ist kaum möglich, sich das zum Mond fliehende Wasser als eine einzige gerichtete Bewegung zu denken, die aufgrund von Perspektiven Stellung des Mondes zur Erde zweigeteilt erscheint. Ich kann den Meereskörper auf die humane Form, den menschlichen Körper, übertragen, sie unterwerfen sich beide der Mondkraft.

Aus diesen Körpern erwächst deren abstrakte Form, der Gedichtkörper, der sich aus beiden Formen zu speisen versteht. Der grausame Mond hinterlässt bei Ebbe das nackte Skelett der Dinge, das sich der Interpretation entzieht, macht sie verständlich und begehbar.

Der liebe Mond befüllt die nackten Knochen mit Fleisch und formt sie zum multidimensionalen Individuum, nicht selbsterklärend, nicht ohne Einsatz begreifbar. Er kennt die Zahl. Fast wirken die Texte wie eine kabbalistische Beschwörung. Mystik, die sich ins Absurde wendet, aus dem Absurden aber auch wieder heraus. Zuweilen erinnert das an automatisches Schreiben. Als hätte Breyger die Souveränität ganz an die Sprache abgegeben, als setzte er sich ihr aus, ihren Feinheiten, ihren Konnotationen, auch dem Schweren, das sie birgt.

Breygers Verssprache ist Fluss und Sediment zugleich. Wie kann ich solche Fragen verhandeln, in Sprache, in Handlung?

Und er besticht durch die Vielfalt in Sprache und Stimmung: Tugend, Schönheit, Vergänglichkeit, Tod. Wo ruht denn dein Youtube-You, man meint, es tapse, ganz Tierbaby, rührend in deinen Stapfen, tut, als wärs du, jedoch dein Du spielt, Flaum von Pappeln, in deiner Frisur, Hauptsache, nicht du als Double, du, du, wer schenkte dir deine überirdisch helle Gestimmtheit? Gehört dies Hampeln zu dir, strickst du dir Gewichte?

Wir trinken auf dein Bleiberecht im Pferch, verjubeln mit Behufe unsre Buhrufe, dein Gesicht justiert mitnichten des Aliens Mienenspiel, einen knuffigen Hund imitiert es, blinzle ihn hin, lass ihn glücken, schaffst du sacht Hervorlugen unter Stirnfalten, kannst du brachial artig sein?

Kein hautfarbener Hauptpart, nur Zotteln, Troddeln, warum schmilzt du nicht hin? Das Zottlige der Welt, wenn man Glanz nicht kann, ist seine eigene, lahmarschige Trambahn. Einige Türen gehen einfach zu. Das sind die Buchstaben. Ich musste unbedingt zu den Schafen hin, musste ihre Wärme wiederspüren, verlangte inbrünstig nach ihnen, ihre beinahe menschlichen Stimmen überall in meinem Ohr auf freiem Feld. Und der Schäfer sagte: Wieso hattest du denn nichts gesagt? Als du in deinem Ge- mäuer Hirt auf Herd zu reimen dachtest.

Und es nicht fassen könnend, immer weiter ziehen zu müssen und dabei nicht im Geringsten fremd zu sein. Und mit dieser Farbe wollen Sie da reingehen?

Hast du gesehen, den Schmerz vorbeigegangen? Ja, ich hab den Schmerz vorbeigehen sehen. Er zog vor meinen Augen vorüber, mit wohltuender Musik, Bestiales begleitend.

Musik ist kein Träger von Moral. Und damit bist jetzt nicht du gemeint. Ich liebe den Garten des Glücks. Die Sprache hat gar nichts angerichtet.

Fast in eine Negierung des eigenen Körpers. Ist das hinein oder hinaus? Seine Sprachirritationen und kleinen Sinnverstörungen entwickelt er aus Überschneidungen und der Kontamination von Fremdem, aus dem plötzlichen Abbruch von scheinbar konsistenten Argumentationslinien, die ihren Anfang nicht selten in und aus der Sprachlogik nehmen und sich dann unerwartet gegen diese kehren. Damit steht Traxler in einer anregenden Auseinandersetzung mit Texten von August Stramm bis hin zu Oswald Egger, ohne dass es epigonal wirkt.

Jetzt sind wir aber doch sehr fachlich geworden. Vielleicht ist er aber auch alles das, was ein Gedichtband ist oder sein könnte. Da dieses Buch alle Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Dichtung eröffnet, jede Tür aufkickt oder zuknallt, sich für die Ankunft oder den Anruf bedankt Es sind Wanderzeichen oder Symposien, Zusammenkünfte und Weiterentwickeltes. Traxler kennt die Bergpfade und Rutengänger. Das ist selten genug und hoch beachtlich.

Zuerst kaum ansprechbar, dann ganz zart. Du hast nie wirklich deine Verlangen gestillt und schützt dich noch gegen den Regen. Ein bootsförmiger Hut als umgedrehtes Kentern. Die Sehnsuchtszeit ist das, was nicht mehr geschehen würde, steht in dem Gedicht Hebräische Sprache von Jacek Gutorow. Du musst mir also nur sagen, was du nicht mehr willst, dann kannst du diesen Tisch einfach verlassen. Und singend laut in Fröhlichkeit: Je kleiner der Gedanke, umso grösser muss das Kunststück sein.

Trugst das weisse T-Shirt, damit die Flecken, wenn du getroffen würdest, drauf sichtbar sein könnten. Aber das Blut nahm dann einen ganz unerwarteten Verlauf. Zurück auf den Hügel. Authentisch kommst du nie als der Falsche rüber. Losen wir dem Geschirr zu die Gefässe.

Konnte mal erkennen, wohin das Heimatgefühl kann. Woher das Heisshungergefühl kam. Wie immer unvorsichtig verzeihen. So ausgeschlossen kann man dich nicht einschliessen. Jahrhundert in Frankreich entwickelte. Von einem Tag auf den anderen in eine unverständliche Klangwelt versetzt, durchlief das Kind zum zweiten Mal den Prozess der Sprachaneignung.

Wie formen Fiktionen meinen Alltag, indem sie in ihm anwesend sind, in Denk- und Sprachpraxis, mein Handeln mit- gestalten? Und mit welchen, auch künstlerischen, sprachlichen Strategien lässt sich dem entgegenwirken? Elastische Fährten, die von Ohren aus expandieren. Schmirgeln, Schlürfen, Knarzen und Quietschen.

Unwuchten, wo Erosion sichtbar wird. Wo jemand überempfindlich ist, etwas nicht schon versteht. Der Wille des Ichs ist nicht mehr Garant seines Könnens, sondern flimmernder Grund der Architekturen und Ich-Territorien, der Begriffe und vom Ich aufgerichteten Wahrheiten, aus denen es selbst nun lugen und lügen will.

Eine klanglich-anorganische Paronomasie, um auch die strenge Sprache der Lyrikanalyse zu bemühen, beziehungsweise eine Anomalie deutsch-französischer Freundschaft ist ausschlaggebend für die vielleicht schönste Zeile des Bandes: Es ist eine weiche und sanfte, wirklichkeitstaugliche und im Überfluss der Verknüpfungen lebende Tonalität, die nicht nur aufrüttelt, sondern auch denkerisch überzeugt und wieder einmal zeigt, wie sehr Sprache und Denken strukturell bis in die Einzelheiten der Syntax zusammengehören.

In einem Gedicht wird notiert: Warum gelingt das Daniela Seel so gut? Es ist der Eigensinn, der betört, die Art, wie sie die Ablagerungen in den Wörtern ausforscht, wie sie Gefühle darstellt, Bilder auf ihre Glaubwürdigkeit abklopft, das eigene Erinnern seziert. Dann diese, die blattförmige Störung. Ja reiten sie denn, die alten Weisen? Gewöhnungen vorgelagert, schlägt Welle an und erbt einen Strand.

Es rauscht wie aus Projektoren. Ich meine es ernst bis genau zu dem Punkt, wo Sie mir entgegenkommen. Aber die Nebengeräusche, die Zähnchen. Ihr schreckliches Keckern über rostroten, verwirbelten Feldern. Ein Tagesmarsch noch ins Basislager. Funken Widerstand über Grenzen des Datenempfangs. Dass niemand die Passage allein durchsteige. Ich weinte, versuchsweise bei. Soll Liebe derart beschaffen sein, oder zubereitet? Ein Satz wie ein Seil. Woran Fremde mikroskopisch zerstiebt, schüttelt von Schultern Prärie, rippenlicht.

Denk an frühe Nächte im Park. Nicht innehalten angesichts solcher Landschaft. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Falbs Gedichtzyklus sprengt alle traditionellen Erwartungen an Lyrik. Statt Metrum, Reim und Strophe regiert das mehrbezügliche assoziative Verknüpfen von prägnanten Bildern und Redeteilen.

Das Gedicht als ein Ort reiner Möglichkeiten. In strömenden, tauchenden und steigenden Sprachbewegungen treibt Falb seinen Text Richtung Erkenntnisgewinn voran. Hier wird Scholastik mit Wissenschaftsdisziplinen wie Historischer Geologie enggeführt und für die Kunst fruchtbar gemacht.

Die Hand derjenigen, die die rites de passage der Lesung nicht durchstehen will die auf sich zeigende Hand der Immanenzebene der Dichtung nicht loslassen, die aus dem goldgestickten Sammetmantel heraussteht.

Ortszeit des Texts ad Sprevum. In dieser Lage hilft nicht mehr viel weiter, eines aber hilft immer: Zur Nachtschicht aller Zöglinge der Augenblickskunde. Es sind altmodische Chansons, also kein Pop in dem Sinn. Die Krypto-Diva steht am Rand und tonlos lacht sie. Dann lacht sie wieder laut, doch tanzen tut sie nicht. Ein Rabe hebt sich in die Lüfte. Neben ihm stürzt ein Wunsch, der keine Flügel hat, in die letzte Tiefe.

Kommt sogleich wieder herauf, stemmt sich über die Kante und singt mit der Diva ein schwieriges und liebes Duett. Die CD wurde kongenial von Andreas Töpfer gestaltet. Lied vom Stiegenhaus Freunde, kommt mit in das Stiegenhaus. Wir steigen lässig Schritt für Schritt hinauf, bis wir ganz oben unterm Dachfirst stehn, jetzt kann es nur noch in die Wolken gehn, für den Absturz ist später noch Zeit.

Der Herbst bei kookbooks. Zum Anschauen hier lang. Wird da, wo abstruse Zwänge wirken, das Konzept von Zwang selbst karnevalisiert? Dichter, Leser und Idiot haben sich aufgemacht, die brennendsten poetologischen Fragen der letzten Jahre zu beantworten. Das Kirmespony, das jahrelang Nacht für Nacht alles noch einmal durchgemacht hat, ist losgeschirrt. Der Sonntag des Metaphernmenschen dämmert, die Trommel rollt ins Bergwerk zurück. Es geht um die Dialektik von Schutz und Schutzlosigkeit und darum, was nach der Poesie kommt.

Denn wenn das Salz dumm wird, womit wollen wir es salzen? Woher die Konjunktur der Figur des Idioten? Wann wurde die Peepshow endgültig zum Sarg? Und was ist eigentlich mit der Diva passiert? Erfahren Sie, warum Sie wirklich unglücklich sind und woran diese Gesellschaft eigentlich krankt. Lesen Sie Witze, die so unfassbar gut sind, dass der Verlag dazu rät, bei der Lektüre einen Helm zu tragen und finden Sie Türen, wo vorher keinen waren.

Der Essay als Literatur zweiten Grades oder auch: Der Essay aber auch als geistiges Hinterland der Lyrik. Das alles ist ungeheuer turbulent, atemberaubend klug, auch mal überkandidelt, dabei immer anregend, gebildet, stolz, überschwänglich und traurig.

Bleibt nur, dem Idioten, der Diva und der Dichterin ein schönes Fest zu wünschen. Sie werden es nicht bereuen. Indem man sich überfordert, sagt Monika Rinck.

Erst einmal streiten diese Essays für etwas, nämlich für das Gedicht und seine Relevanz in der gegenwärtigen Gesellschaft. Monika Rinck wagt eine Bestandsaufnahme, was die Lyrik heute überhaupt noch will und kann. Und dann streitet dieser Band wider die Ignoranz gegenüber dem Gedicht. Und sie streitet wider den Usus, die Lyrik als geschätztes Kulturgut zu hätscheln und zu tätscheln, ohne sich mit ihrer Gegenwart auseinanderzusetzen. Auf die selbstgestellte Frage, ob die Autorin gerne schwierig sei, findet sie, wie zu erwarten, keine schnelle Antwort.

Doch der direkte Angriff ist die Sache des Idioten nicht. Zunächst muss er parieren, und Rinck pariert im Stile einer Aikido-Kämpferin, die die Energie des Angreifers aufnimmt und gegen ihn selbst wendet. Der Idiot steht einer Allgemeinheit gegenüber, die ihn nicht versteht, oder zumindest nicht verstehen will.

Das letzte aber, was Rinck will, ist, diesem Umstand mit Larmoyanz zu begegnen. Zentrale Begriffe sind Albernheit und Humor. Fühlt sich die verständliche Sprache eigentlich herausgefordert, da es die poetische Sprache gibt? So wie sich die poetische Sprache herausgefordert sieht, von der Tristesse der Verwaltungssprache und dem Einerlei der Mediensprache und dieser Misere etwas entgegensetzen will.

Etwas, das nicht mehr aufgeht in Information und nur unter Verlust von Schönheitssinn und Schuppenmosaik referierbar ist. Ja, sicher, das ist das Mindeste, was ich tun kann, nach allem was geschehen ist. Flammarions Greyout Stirn aushebeln, Gaumen quer, Brille putzen, und los Die Reflexion etwa auf das Sprachmaterial von der poetischen Bewegung zu lösen, sie ins Verhältnis zu setzen, bedeutet, einen Teil ihrer Dynamik anzuwenden: Jeder Ansatz ist im Voraus überformt Wie die Pfeile ins Öde gehen, triftig oder sediert.

Und der Schreck vor der Erstreckung bei gleichzeitiger Beschränktheit jetzt. Die Gedichte holen die Sprache der digitalen Welt, der Ökonomie und der Politik in ihren Rhythmus und spielen sie neu durch.

Dieser Eindruck des Unaufdringlichen und zugleich Reflektierenden verdankt sich der Form, die sie für ihre Texte gefunden hat. Es ist ein Verfahren der Überblendung, das die Texte bestimmt. Das beginnt bei den Wörtern selbst, die kleinen lautlichen Variationen unterzogen werden, auf dass sich Verschiebungen in der Bedeutung zeigen: Rotiere, axial, öffne die Lavapümpchen, hinten, über den Gruben, wo einst die Fittiche, ja.

Voll hehrer abendländischer Referenzfallen ist das ständig überraschende Vokabular dieser Verse und voll ekstatischem Spott über allen hehren Glauben an die reine Tradition. Als würde höchstes Bildungsgut lustvoll mit Autotune-Stimmverzerrer vorgetragen, ergibt sich immer wieder die Frage nach der synthetischen Gemachtheit aller Erfahrungen, die aus dem künstlich spiegelnden Venice-Venedig dieses Bandes heraus auch eine nach der Gemachtheit der Geschlechter ist.

Echtes Begehren, gibt es sowas? Mir wurden Bohnen versprochen. Ich setze die 3 D-Brille ab und bemerke, wie flach der Kopf meines Vorsitzers ist. Überhaupt scheint Verwunderung und Verstörung so etwas wie der Grundantrieb der lyrischen Produktion vom Brockes zu sein.

Und auch ihre Nähe zur bildenden Kunst. Im Zyklus Gemäldegalerie zum Beispiel nimmt sie das in anderen Texten tastende der Spracharbeit zurück zugunsten des Beschriebenen, dessen Tasten wiederum auf die Beschreibung und sein Subjekt zurückwirkt. Vielleicht bin ich es, die sich an ihnen vergeht, wie leblos, die sich einklinkt, um eine Seele zu finden? Diese Vorsicht bedeutet jedoch nicht, dass die Autorin auf Verwegenheit verzichtet.

Behutsam mischt sie Bedeutungsebenen und verwegen zersetzt sie begriffliche Grenzen. Diese Kombination mag paradox klingen, entwickelt in den Texten aber einen ganz eigenen erkenntnisfördernden Reiz.

Anrede Auszug Dass Sie mir fortbleiben, ist wichtig für unsere Leiber, die, Sie werden es zügig bemerken, sich nur durch Pusten kurzzeitig runden, denn sie sind perforiert. Dieses Pusten ist das eigentlich Lächerliche, und dennoch ist es zu würdigen.

Es fehlen die Techniker, die herausheben aus dem Humus. Oder doch keine Fanta? Je mehr Menschen Ihnen gestorben sind, desto mehr Augen schauen auf Sie und baden selbst sich als Wasser. Ob aus Ihnen, abgespiegelt und strahlend im blinden Kopfhinterfeld, oder aus dem schrägen ziehenden Ort, durch den sie geschluckt sind.

Und ihre Augen geöffnet, als trüge das Schaudern kein Umriss, wie nur bei Augen, die für immer geschlossen sind. Zum ersten Mal kann ich das sagen. Und nach Jahrzehnten noch gäbe es keine Kartoffelchips im Ausschnitt.

Zum ersten Mal kann ich das sagen, weil das Lieben nicht in der Spitze seiner spitz zulaufenden Tüte erstickt; ich liebe Sie. Sie sind mir flimmernd, Sie kennen das, und zwischen uns saust das Sein. Kunde Das Doktorphantom auf der Terrasse. Wenn du jetzt deine Slipper ausziehst beschützt dich die Schlange oder greift sie dich an?

Nein du hast keine Ahnung. Zahlst die Pommes und taumelst bläst in den Pan-Hals, knackst und denkst an Gregor, Saskia oder Ev mit dem dicken, sichtlich erschöpfenden Haar. Sie trägt ihr Kind wie angeboren, dazu ein Broschenaccessoire. Während du reinkriechst, mal wieder die Brüste verspielst beheben und zur Büste versteinst. Jetzt beschützt dich die Schlange oder greift sie dich an? Jahrhunderts in seiner Missionstätigkeit bis nach Amerika gelangte. Auch der Sektenselbstmord in Jonestown und säkulare Heilsbewegungen wie die Chicago Boys schwingen hinein; zudem gibt es Anklänge an Rockkonzerte und Hausbesetzerszenen.

Alles ist erfunden und doch aufs Köstlichste wahr. Denn hier entfaltet der Autor seine Geschichte pietistischer Renitenz in weiten erzählerischen Bögen, ohne diese narrativen Elemente sprachkritisch zu relativieren. Seine poetische Kraft bezieht der Band aus der Erfindung skurriler Figuren und einer überbordenden Fabulierlust. Das Prosagedicht lässt sich als zugespitzte Mentalitätsgeschichte des heutigen Berlins lesen, die bis ins Jahr zurückreicht..

Am Ende jedoch begeht ihre radikalisierte Sekte Selbstmord. Das Frühjahr bei kookbooks. Ein Vogel im Flug: Ich versuche ihm beizukommen, indem ich seine reale Bewegung durch eine Bewegung des Textes ersetze.

Ich muss das nicht tun. Das Flügelflattern wird als Wort synchron, im Satz beginnt es wieder zu flattern wir sagen: Die Überformung des alltäglichen Lebens durch die konformistische Ökonomie des Kapitalismus muss aufgelöst werden, will man hinter die Kulissen blicken. Diesen Blick gewährt der in vielerlei Hinsicht erstaunliche und kühne Band tatsächlich, für einen kurzen Moment.

Dabei wird die Sprache, ihre Wortmaterialität, ihr fluktuierender Klang, nicht nur Malmittel für die Imagination, sondern zugleich zum zweiten Gegenstand der Wahrnehmung..

In ihren englischen Versen, in der fremden Sprache, erklingt ein lockerer, alltagsnaher, erzählender Ton. Das Gewicht der Welt offenbart sich an den kleinen Dingen. Wie wäre es, wenn man wirklich alles hinter sich lässt? Rike Scheffler verleiht diesen Phantasien durch ihr musikalisches Gespür einen Drive, der eine hypnotische Wirkung entfaltet: Das gefällt den schwarzen Bienen, sie sammeln seit der Steinzeit.

Ein Picknick mit Bienen ist immer auch ein Potluck: Friedlich ist das Summen der Bienen nicht. Ein Therapeut reicht beim Picknick Bestechungsgläser mit Pfefferminzbonbons rum. Darüber die Bienen, eigensinnige Mobiles, die den Wind korrigieren. Welche geheimnisvollen Botenstoffe treiben sie an? Welche Schwarmbindungen gehen sie ein? Wenn seine Einschätzung zutrifft, dann vermittelt uns Karla Reimert eine Form von Wahrheit, weil es existenzielle Fragen sind, die unser Leben als Schatten wirft und die in diesem Band poetisch in den Blick des Lesers gerückt werden.

Das tröstet insofern, da der Abschied von ihren Gedichten ein Abschied auf Zeit ist, weil man diesen Band gern wieder zur Hand nehmen wird. Geradezu meisterhaft um diesen etwas angestaubten Begriff zu benutzen spielt Reimert auf dieser dialektischen Klaviatur im für mich zentralen Kapitel des Buches: Der Titel kündigt es an. Hier wird religionswissenschaftliches Vokabular mit gedanklicher Reiseerfahrung verknüpft. Das ist einzigartig und in seiner Verknüpfung von Aufklärung und Mystik ein politischer Kommentar zu den Verwerfungen unserer Zeit.

Das macht diesen Text so aktuell wie kaum einen anderen. Und so endet er: Weder dass die Krängung nur ein Buchstabe von der Kränkung trennt, noch das Picknick, oder das es mit schwarzen Bienen stattfindet. Karla Reimert hat ihren ganzen Gedichtband bewundernswert dicht und doch durchlässig gewoben.. Wie kann man den Faden benennen, der alles durchläuft? Dieses Verhältnis von Ehrgeiz und Schmerz, dass sich nur mit grimmigem Humor auflösen lässt?

Und so wird dieser Gedichtband wohl noch lange ein Buch bleiben, mit dem ich nicht fertig werde. Das Manuskript zurück mit neunzig Kommentaren. Nicht klar genug die Zusammenhänge zwischen Marienerscheinungen bei Kindern und Verflachung mystischer Erfahrung durch Demokratisierungsprozesse. Schwankende Haltung, schwer vermittelbare Ambivalenz. Dazu Nebenwirkungen des Heiligen: Ressentiments, Haarausfall und eine schmerzhafte Wundrose im Gesicht.

Bespiegelt, wo genau sich Geschichte mischt mit Humanismus und Theologie. Fehlender Trost von Haustieren. Feiere ein Picknick mit Wein. Lade Kinder zu Besuchen bei Toten. Notizen auf dem Schreibtisch: Gott als Ausweg aus der Sprache ist so gut wie jeder andere auch.

Verlängerung der Abgabefrist um weitere drei Monate. Denn in der Arbeit steckt ein stark narratives Element, ich möchte eine Geschichte oder die Geschichte zu einer Geschichte erzählen.

Fotografie kann sich glücklicherweise heute von dem Zwang befreien, sich einordnen lassen zu müssen. Ich arbeite eher phänomenologisch. Ich versuche, mich Dingen aus verschiedenen Perspektiven anzunähern. Es kann sein, dass ich mit dieser Herangehensweise auch einmal scheitere, aber ich bin auch der Überzeugung, dass ich nicht zwangsläufig zu einem wie auch immer gearteten Ergebnis gelangen muss.

Es sind die sinnlichen Wahrnehmungen, die eine Grundlage für die Darstellung bilden. Insofern geht es um Farben, Formen, Geräusche, Gerüche. Es spricht eine rhetorisch versierte globale Playerin, ein Ich zwischen Chart-Analyse und Spekulation, betrieben dank Herdendynamo, müde im Labor. Man kann daher diese Gedichte durchaus gesellschaftskritisch lesen. Sie sind aber nie so verkniffen oder simpel wie es politischer Dichtung manchmal unterläuft.

Nein, Katharina Schultens hat Humor, und ihre Gedichte knistern erotisch Die Börsensprache arbeite ja mit Mystifizierungen, meint Schultens im Gespräch.

Da habe eine Vereinnahmung stattgefunden, die wolle sie rückgängig machen. Gerade die Chartanalyse verwende faszinierende Metaphern: Und dann gebe es Worte, die ganze Heldengeschichten transportieren, oder Fabelwesen, den Bären und den Bullen zum Beispiel Medusa, die für die Entweihung ihres Tempels von Pallas Athene in ein Monster verwandelt worden ist, sei eine Leitfigur ihrer Gedichte, weil sich an ihr die Frage stellen lasse, ab wann ein Verhalten oder eine Formulierung eigentlich monströs werde, erklärt Schultens und wird gleich konkret: Sie interessiere sich für die Prozesse, die ablaufen, wenn das Berufliche ins Private einwandere, wenn Freunde beispielsweise auf einmal auf To-do-Listen landen.

Zum einen schafft sie es als einzige deutschsprachige Dichterin hinter die Fassaden unserer hauptsächlich durch die Finanzwirtschaft hervorgerufenen Krisen zu schauen, zum anderen präsentiert sie damit ein Netz aus Mythen und surrealen Zusammenhängen. Selbst da, wo ihre Bildkombinationen noch so schrill sind, bringt sie das mit einer fast unheimlichen Selbstverständlichkeit rüber und stellt damit eine glaubwürdige, hochfiktive Realität her.

Aber schliesslich produziert die Beobachtung der Beobachtung selbst nur subjektive Realitäten, denen oft der ontologische Verweis verloren geht, so dass sich dieses Konstrukt in reiner Fiktion auflöst. Da aber ein Beobachter auch immer ein Ausgeschlossener bleibt, hängt man als Leser, also als Beobachter dritter Ordnung, oft ein bisschen in der Luft und bleibt theoretisch nur an der Oberfläche des Textes.

Obwohl das mitnichten wenig ist, fallen die Texte tendenziell wieder in die Autoreferenzialität und die Dekonstruktion zurück. Doch das ist jetzt ein Problem der praktischen Theorie. Vergesst sie und geniesst das Buch! Eine gesichtslose Medusa, schlangenumrankt, modisch und mondän gekleidet. Weil sie mit bedenklicher Leichtigkeit aufzeigen, wie weit die Verquickung von Leben und Kapitalismus fortgeschritten ist.

Dass Schultens stellenweise einerseits plakativ wird und andererseits sehr intime Themen aufgreift, verstärkt das noch: Unkommentiert steht die lautstarke Wut auf das System neben der Hilflosigkeit und Verlorenheit der zum Normalzustand geronnenen Entfremdung. Das reibt sich zwar aneinander, schlägt aber deswegen umso mehr Funken.. Oder auch Scheinheiligkeit, Heuchelei. Der Kapitalismus hat kein Gesicht, dafür aber viele Masken, unter denen die Krisen schwelen. Es ändert jedoch zuerst nichts, noch nicht.

Denn der Kapitalismus steckt in uns, so wir auch in ihm stecken. Wir kalkulieren die Menschen um uns, ganz so wie und eben weil sie uns taxieren.

Das wirklich Schlimme, das Grauen erregende ist daran, dass wir das nicht mehr realisieren, geschweige denn reflektieren. Das tut weh, sicherlich. Es mag an ihrer Widerständigkeit liegen. Wer gute Gedichte will, muss sie auch aushalten können. Daneben bin ich froh, so wenig zu wissen. Und das, was ich gerade geschrieben habe, überholt sich doch gleich wieder selbst. Na ja, wenn du mich vielleicht etwas früher gefragt hättest.

Und es gibt vielleicht auch ein politisches Moment in diesen Texten, das Anderssprechen, als eine Art Befreiung vom Zugriff, von lähmenden Sinntiraden. Und nichts gegen Herkömmliches. Mir gefällt einfach nur das Zulassen. Aber jetzt komme ich ins Schwatzen, reime auch schon. Reime mir was zusammen.

Über die Landschaften östlich von Isfahan und im Berblinger Weitmoos hätte ich vielleicht noch etwas sagen können.

Und über den Garten. Ein Spiel mit der Wahrnehmung von etwas, das so alltäglich ist, dass man es kaum wahrnimmt, es sei denn, man misst ihm Bedeutung bei. Und bei Showghi hat alles Bedeutung, vor allem das vermeintlich Unbedeutende, das, was man zu übersehen neigt, was die selektive Wahrnehmung aus dem Grundrauschen des Alltags zuverlässig rausfiltert. Assonanzen, Alliterationen, Rhythmus, all das wird behutsam und sicher eingesetzt.

Man kann sie als Vermessung der Zeit, als Orientierung im Raum und Vergewisserung des sich auf diesen Achsen bewegenden Ich und seiner Körpergrenzen lesen. Doch die Suche selbst gerät in Fluss. Liegt Zauber erst einmal auf der Hand, dann schon woanders, lässt sich dieser Vorsprung leicht mit Flurlicht verwechseln und gleich verlieren vor lauter Luft.

Sehen rechts oben einige Fadenwolken, wie uns hier, in der entstandenen Situation. Wir bewegen Tee und Obst und was dazu passt: Zucker als einzelnes Wort mitten im Garten. Der helle Schein kommt jetzt von der Sonne links oben. Und findet das Kind, das meine Hände, eine Weile auch mit einer Reichweite hat. Hin zur vergehenden Zeit. In dieser entstandenen Situation. Jeder bescheuerte Spiegel fragt: Wer ist die Schönste im ganzen Land?

Alle Gesten sind schon da. Das Thesenartige, Essayistische drängt sich hier in den Vordergrund, Szenen und Figuren werden mit nur wenigen Sätzen skizziert.

Das verleiht dem gesamten Text etwas Glasklares, eine erfrischende Kühle des Denkens, die sich oft in faszinierend ungewöhnlichen Bildern niederschlägt.. Dennoch ist es vielleicht symptomatisch, dass dieser Roman abseits der Saison im kleinen und extrem feinen Berliner kookbooks-Verlag erscheint und von einem Autor stammt, der.. Das Buch hat bei aller amüsanter Schrägheit etwas Herbes, Ungeschliffenes; es kommt ohne das Bling-Bling vieler anderer zeitgenössischer Romane aus.

Genau darin aber, in seiner Überwindung des Popromans, zeigt sich sein zukunftsweisender Wert. Es gibt keinen Ausweg aus dem Verbrauch, und die Dinge lachen sich tot darüber. Und dann geht es los, ich kann nichts dafür: Meine Schuhe vibrieren von einem Muhen, eine Kuh fordert ihre Haut zurück, sie will das Leder schrittweise wiederhaben. Dazu ist sie nur kurz in der Lage, mein Blick bohrt ihr ein Vergessen ins Bild.

Bisher ist es meistens glimpflich ausgegangen, nur einmal musste ich ein obszön sich aufweichendes, sich nach und nach in alle Einzelteile auflösendes Automobil beobachten. Doch ich kann den Gedanken nicht loswerden, dass wenigstens die Anorganischen in den Bilderfallen bleiben sollten.

Paul ist ein kritischer Mensch, einer derjenigen, die ihre Stimme am Denken schulen wollen, eine selten gewordene Spezies. Ihr könnt zusehen bei eurem Zerfall, keine Chance. Es gibt die tollsten Apparate, die all das aufnehmen, ihr seht es in Überschärfe am Bildschirm, in irgendeiner Casting-Show, ihr könnt es mit Grafikprogrammen aufbrezeln, falls gewünscht.

Die pure Vorbereitung aufs Marketingleben, das Profil- und Exzellenzleben, ein ununterbrochenes Bewerbungsleben, das erbrochene Kontrollleben, ein komfortables Auto- und Handyleben, ein beglaubigtes Vertrags- und Medizinleben und vermutlich auch ein Pluto- und Saturnleben.

Schrei in den Hörer und melde dich mit einem tief empfundenen Hallo, das dir das Trommelfell verdreht, denn du bist mittendrin in diesem einen Leben, wenn du etwas sagen kannst. Du bist dein eigener Berater, es kommt auf dich an und auf dich zu, denn auch du bist Europa, kannst Europa sein, ganz allein. Dein Gehirn, dein Land, dein Reich komme. Ihre Gestaltung spiegelt das Selbstverständnis einer Gesellschaft, die ihren Platz in der Evolution immer neu definiert.

Der absolutistischen Herrschaftsidee entsprechend, richtete er diese konzentrisch zum Betrachterstandpunkt des Sonnenkönigs aus. Gerechte Hege erbaut uns heute mehr als gebaute Hegemonie. Nicht positivistischer Bildungshunger treibt uns, eher schon suchen wir in den Landschaftskulissen nach Reservaten der Sehnsucht.

So hat sich das Projekt Zoo gleichsam invertiert: Kulisse einer Menschensehnsucht, eingebettet in eine Urbanität, die er vergessen machen soll, obgleich sie ihn erst ermöglicht. Letztlich konkurriert er schon heute mit den Freigeländerevieren an den Rändern der Ballungsgebiete, die wiederum längst mit den angestammten Lebensräumen der letzten noch wild lebenden Tiere konkurrieren. Welche Menschen bauen was für Tiergehege und warum? Mögen die Kamele, wie sie wohnen?

Und wie fasst man das in Worte? Schos schmaler Band wiegt auf seine Weise eine Menge staubiger Studien auf und gibt der Erkenntnis etwas zurück, was sie im akademischen Aufklärungs- und Postaufklärungsbetrieb verloren hat: Ihre sinnliche und witzige Komponente, ohne dass dadurch ihr ernstes Anliegen gestört würde, vielmehr wird es dadurch in seiner Ernsthaftigkeit noch bestärkt.

Wollen wir von einem Wunder sprechen? Kein zweiter Pelz so dicht und heute kaum mehr zu bezahlen. Hier in den Speiskübel verladen. Oder einfach zwei Otter, die sich nun eingefunden haben zu einem stillen Komplott und dann zusammen eingeschlafen waren über den Plänen von regennasseren Tagen, einer Idee von Spülung, Unterhöhlung, Strömung und fortgetragen werden.

Zu viele endeten hier als Wrack, vor den Küsten ebenso wie in der Stadt. Zwei Ozeane zum Sinken. Lasst mich zum Schlafen hier im herben Liebesrausche. Blauweinflecken auf den Lippen. Die Freiheit, den Rausch zu verkosten oder an ihm zu nippen wie an einem kostbaren Gift, das Hugenotten herbrachten als Shiraz.

Man kann alles mischen, nicht allein den Wein verschneiden. Warum alles meiden, wozu die ganzen Verbote? Wo bleibt die Zeit? Hat sich nicht gestern erst alles verschoben? Ich kenn den Sog der Strudel und den Strom der Nacht. Ich schiebe mich leise über die Klippen, ein Shark Spotter hisst eine schwarze Fahne: Man ist blind für verwunschene Orte, die durch Verstrichenes in die Zukunft sehen. Nass in nass gleich invertierten chinesischen Zeichen schwimmen wir in tuschschwarzen Teichen, Otter aus Grasschrift, wie Chinesen kalligrafische Schnellschriften bezeichnen, die kaum noch Lesbarkeit erreichen und ganz im Bild aufgehen.

Wir schreiben den Text in die Tiefe eines durchlässigen Elements und verwischen beim Schreiben bereits jede Spur, womit lässt sich das noch vergleichen? Mit der Tanzsprache der Insekten? Oder den Händen eines Präfekten, die er in Unschuld wäscht?

Den Anfang von etwas wiederfinden, das man nicht selbst begann, gibt es nicht aussichtsreichere Fron? Sich an irgendetwas halten, das bleibt ein Traum von zwei Ottern im Eimer, vermahlen zu samtweichem Opus caementitium.

Warum pfeifen nicht längst alle Spatzen vom Dach, dass Uljana Wolf wieder ein Meisterwerk veröffentlicht hat? Dass ihre Gedichte schön und voller Erkenntnisse, und ja, auch voller Witze und Kalauer sind? Nicht nur indem Wolf Gesetzestexte und Vorschriften in ihre Gedichte webt, verknüpft sie das Alltägliche und das Poltische mit der Poesie. Ich glaube, es liegt eher daran, dass sie so präzise ist, dass sie neben der Fantasie, neben der Fähigkeit Verknüpfungen herzustellen, über eine Genauigkeit verfügt, die ihre Gedichte so besonders, und so besonders wertvoll machen.

Und dann lässt sie die Details explodieren, in einem Gedicht. Aber vorher hat sie ein Netz aus Poesie gesponnen, aus dem sich der Leser weder befreien kann noch will. Und dieses Netz ist gemacht aus dem, was ist. Pure Gegenwart in einer verwirrenden Klarheit. Produkte, die in Deutschland verkauft werden, müssen auch deutsch beschriftet sein. Was tun Gedichte im Raum einer Kommunikation, die schnelllebig ist und kaum Pausen zulässt?

Wohin trägt eine Sprache, die sich über ihre Tragweite nicht sicher ist? Das amortisiert sich nicht. Wenn es dunkel ist, trägt ein Schatten auf die Schicht Licht, die eine Lampe auf die Dunkelheit gelegt hat, eine weitere Schicht Dunkelheit auf. Wenn es dunkel ist, hebt ein Schatten unter der Schicht Licht, die eine Lampe auf die Dunkelheit gelegt hat, die Dunkelheit wieder hervor.

Betritt man sein Zimmer über eine Ru? So greifen Marquardts Texte konstruierend in das ein, was längst schon konstruiert und vorhanden ist und woran doch immer weiter noch gearbeitet wird. Was sich nicht aufrechnen lässt. Ein Handbuch vom Gehen und Stehen in Gedichtform? Ist etwa Sitzen eine typische Haltung des Denkens? Oder doch lieber liegen, nein hüpfen und springen? Wie ändert Bewegung mein Reden? Zwinkere aus meiner streunenden Form. So überschatte ich den Nebenmann, quetsche Zartheit in seine Taschen.

Vom Gehen und Stehen. Professor Gnu gibt sich optimistisch: Helm aus Phlox, S. Der Fragehorizont, der sich beim genauen Lesen freisetzt, weist der Vorstellungskraft viele Wege. Das erzeugt einen regelrechten Sog, man möchte sich, von diesen Versen geführt, gerne immer weiter aufregend verirren.

Mit Lust probiert sich hier die Sprache semantisch, rhythmisch, metrisch aus. Und oft geht es lustig zu in diesen Gedichten, die um ihre Leuchtkraft wissen, auch wenn sie im Zustand der Ruhe liegen: Seine Poesie hat ihre redegewandte, ebenso anmutige wie raffinierte Lebensform gefunden.

Ihr Titel sollte sie bewusst irreführend als Übersetzung ausweisen, um den persönlichen Hintergrund zu verschleiern. Sie wecken sozusagen jene Gedichte, die noch unter der Vorlage schlummerten. Dadurch gelingt es den Beiden gleichzeitig aufzuzeigen, dass sowohl die AutorInnen als auch LeserInnen jeden Text stets aktualisieren, erweitern, verändern können bzw.

Uljana Wolf , Christian Hawkey: Needless to say this never happened. We've been talking about Jackson, ever since the fire went. Vom experimentellen Prosagedicht bis zum guten, alten Endreim scheint für jeden Geschmack etwas dabei zu sein.

Das ist nicht ansatzweise so abwertend gemeint wie es möglicherweise klingt. Welcher Art von lyrischer Prophezeiung man auch seinen Glauben schenken will, Jackson zeigt die Vielfalt ihrer Erscheinungsformen auf. Die griechischen Götter und Giganten waren die Superhelden der Antike.

Wie ein monumentaler 3D-Comic erzählt der berühmte Pergamonfries ihre Geschichten. In Marmor gebannte Energie. Defragmentierung der alten Platten. Pulsierende Reappropriation statt Antikenkitsch. Zu den Clips online geht es hier , eine Leseprobe findet sich hier. Falkner will die Konfrontation mit den Idealen vergangener Kunstepochen nicht ironisierend abfedern, sondern die Widersprüche gestalten.

Diesen hochgesteckten Anspruch löst Falkner ein, wenn er lyrisches Pathos, manipulierte Idiome und IT- oder Werbejargon kollidieren lässt. Dazu gehört auch der Mut zu sagen: Warum haben wir nun für die erste umfassende deutsche Ausgabe der Gedichte von Michael Palmer den Titel Gegenschein gewählt? Es meint den schwachen Schimmer, der durch die Anstrahlung kosmischen Staubs entsteht und in Opposition zur Sonne in dunklen Nächten und fernab aller künstlichen Lichtquellen zu beobachten ist.

Alexander von Humboldt hat den Begriff in dieser Weise geprägt. Er bezeichnet im Deutschen auch einfach die Oppositionsstellung zur Sonne. Der Übersetzer mag es auf seine Arbeit gegenüber dem Original beziehen. Bei Palmer klingt es an seine Vorstellung von der counter-tradition an in der er sich sieht , und bei Celan gibt es Gegenwort und Gegenlicht.

In Gegenschein sind vielleicht die vielfältigen Brechungen und Oszillationen angesprochen, die im Werk von Michael Palmer aufschimmern. Ein wesentliches Paradox dieses Werkes ist es, dass es gerade vermittels seiner vielen Anleihen völlig originär und einzigartig wirkt, dass sich seine vielen Mosaiksteine und Partikeln zu einer neuen unvergleichlichen Sprachmusik fügen, die absolut nichts Epigonales hat oder als Pastiche erscheint.

Der Abglanz wird so zu einem ganz eigenen Leuchten, zu dessen Wahrnehmung verfeinerte Instrumente vonnöten sind. Kosmischer Staub, der auf den Flügeln von Nachtfaltern wiedererscheint.

Durch diese Texte werden wir in subtile Welten entführt und erfahren das Glück einer andauernden leichten Erschütterung, sowohl im Sprachlichen als auch im Körperlichen. Genug ist genug ist genug von. Komisch dass deine Hand sich warm anfühlt Schnee fällt sorgsam.

Komisch dass die Seite genau zerrissen wurde wo der Schnee anfing. Es gab nie sehr viel. Es gibt mehr weniger als es gab. Heute ist es 84, 74 und 12 und hell und dunkel.

Wir sind nirgendwo sonst. Sein Lächeln fiel auf eine Seite. Hier und da war es sehr hell und dunkel. Das Buch gegen Verstehen. Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer G. Das erste Buch von Dagmara Kraus! Sie schillern und stieben, oszillieren zwischen Sprechweisen, staffeln und streuen Bedeutung; sie sind existenziell, verspielt, polyglott und voller prosodischem Eigensinn. Ehrlich, so haben wir das noch nie gelesen.

Aber die Lawine bleibt ja. Die Bedrohung geht nicht weg. Ich glaube, Dagmara Kraus muss so leise sprechen, wie sie spricht, um neben dem ganzen Glanz die Lawinen aushalten zu können. Deshalb ist sie Dagmara Kraus und nicht Dagmar Krause. Sie schreit nichts heraus, sie spricht ganz leise, und trägt trotzdem alle Lawinen in sich. Die Lawinen sind nur einen Buchstaben weit entfernt.

Im ursprünglichen Wortsinn des Protokolls gibt es einen klebrigen Kern: Ein zusammengeleimtes Buch ist gemeint oder, spezieller: Das steht am Anfang des Buches, wird ihm aber zuletzt eingeklebt. Es gibt die Klebrigkeit der inneren Fixierung, die auf immer wieder erneutes Durchdenken dringt, und es gibt den unvergesslichen Honig an den Schuhen, in der Tasche, an den Fingern, der an den unachtsamen Moment seines Verschüttens erinnert.

Auch dies kann als ein Protokoll gesehen, wenn auch nicht gelesen werden. Oder nehmen wir den Körper als Protokoll unseres Lebens, für den Verlauf der Zeit, dem wir unterliegen. Nehmen wir den Honig als Protokoll des Bienenflugs und als Auskunft über die von ihnen gerade noch erreichbaren Blüten. Die Honigprotokolle sind beinahe quadratisch und ineinander verfugt wie Kacheln.

Sie bilden ein Raster, das ihre Ordnung offenbart. Sinne, Affekte, Materialien oder eine Angst, die gestern noch in die Zukunft ging.

Auch davon berichtet das Protokoll. Es wendet sich an Konzepte, die es nicht abstreifen kann: Die Arbeitsteilung erfolgt via Reizschwellen, die eine Folge der Vielfachpaarung sind. So wird eine hohe Bandbreite von Empfindlichkeiten garantiert. Und wahr reden sie. ION Doch es ist wie beim Bienentanz: Am Ende wird nur noch für die beste Höhle getanzt. Manche Sätze würde man am liebsten auswendig lernen: Innerhalb des einzelnen Texts suchen die beiden menschlichen Hälften einander häufig in Form einer semantischen Rahmenstruktur, die ein zu Beginn gesetztes Thema verändert wieder aufnimmt.

Häufig erinnert die Lautstruktur an gleichsam umarmende Binnenreime, eine in dieser Art innerhalb prosanaher, dezent rhythmisierter Langzeilen überraschend neu wirkende Technik Das Hier und Jetzt und das Gestern. Das ganze Leben, oder besser: Die brauchbare und, ja, die unbrauchbare Sprache, denn eine muss es doch sagen: Viele Anspielungen werden einem entgehen.

Ein wiederkehrendes Thema des Bandes ist denn auch die Liebe, und zwar in individueller wie in kollektiver Hinsicht. Es ist ein zweifelndes, bisweilen verzweifeltes, vor allem ein weibliches Ich, das hier spricht: Es ist schon spät, es wird schon kalt. Vielleicht sollte man sagen: Monika Rinck summt sich durch das Dickicht der Liebesgefühle, nervös, aber willig der Schönheit. Und tatsächlich stehen dann wunderschöne Gedichte neben todtraurigen.

So weint einmal die verlassene Geliebte allein und sucht Trost bei ihrem alten Stofftier, ach, wenn es trösten könnte! Schläuche, Keilriemen, zuckige Teile. Es stürzten die Nadeln, Pfeile, zierlich und keck, fast ohne Kontrolle. Oder Sonja mit der Silberbüchse? Untertriebig hebt die Nase von der Fährte ein gefällter Oktaeder. Ach, verschonet doch die Wälder, statt sie mit Kaputtem vollzustellen. Denn dieser alte Zuber flutet zeitig die Genüsse. Soeben noch munter, in zärtlicher Vereinigung mit den Resten des Blechdachs Schuppen!

Es hatte ein federndes Deck, worauf sie lagerten, drei Masten, und ja, die Masten lüpften und kippten das Ding über die Ecken, und nein, die beiden gingen nicht über Bord. Als Erstes sah ich das alles von unten, da war ich Alge. Dann sah ich es schraffiert von der Seite, da war ich Schilf. Später, als ich Himmel war, sah ich die beiden von oben.

Sie segelten stochernd und zügig, schienen ein Thema zu haben. Dann aber sah ich, wie sie kippten und sanken! Der See nahm sich das Trampolin zu Herzen. Als das geschah, war ich das Ufer gewesen. Ich schwöre, der See war ich nie! Was sollte ich tun? Ich wurde Grund und wühlte mich hinein. Dann schnellte ich zurück, ja beinah wie ein Trampolin, und spuckte die beiden in hohem Bogen auf die Promenade.

Der See kam zu sich, lief wieder in mir zusammen. Nur das Schilf, sonst nichts, bewegte sich. Der Himmel ruhte darüber. Hier kommen sie zusammen: Zusammengebracht hat sie der Wind, der sich zwischen allen Liedern regt.

Er pfeift, er wirbelt, säuselt und klingt, ist heiter und grollt, und am Abend legt er sich und singt uns und alle andern in den Schlaf. Der eigensinnige Wind verbindet die Lieder entlang des Tagesverlaufs zu einer Suite, in der die Kinderwelt des Jahrhunderts Kontakt zu der unsrigen aufnimmt und zu einem rauschenden Fest einlädt.

Wilhelm Taubert , Monika Rinck: Man will man ohne ihre blitzschnelle Gegenwärtigkeit, ihr reges Zweifeln nicht mehr weiterlesen. Seit über zehn Jahren gehören Daniela Seels Gedichte zu den Geheimtipps der jüngeren Lyrik, die sie als Verlegerin mit bekannt gemacht hat. Jetzt ist neben der Verlegerin endlich auch die Dichterin zu entdecken.

Daniela Seels Lyrik verfährt kompromisslos auf höchstem ästhetischem Niveau, vermeidet jede falsche Feierlichkeit und spielt das komplizierte poetische Spiel mit der Sprache viel lieber mit ernster Leichtigkeit und aller Lust zum Experiment.

Die Verlegerin von kookbooks hat diesen Verlag nicht nur binnen weniger Jahre zur feinsten Adresse für deutsche Dichter gemacht, sondern erweist sich nun selbst als grandiose Lyrikerin.